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Die Christengemeinschaft in Marburg

Von der Gründung 1924 bis zum Verbot 1941

Es ist 9./10. Mai 1923. Die Christengemeinschaft – Bewegung für religiöse Erneuerung – war am 16. September 1922 begründet worden und hatte in vielen Städten im Nachkriegsdeutschland begonnen. Dr. Friedrich Rittelmeyer, 50-jährig, bisher berühmter Kanzelredner in Berlin, reist als Vortragsredner durch die Lande und wird zum bedeutendsten Sprecher des für das 20. Jahrhundert neu sich bekundenden Christusimpulses. Er spricht am genannten Datum auch in Marburg (im Philippshaus) zum Thema: “Ich bin die Auferstehung und das Leben” und schildert die Auferweckung des Lazarus. “Lazarus, komm heraus!” Er spricht nicht wie ein Schriftgelehrter, sondern wie einer, der unmittelbar aus dem Geiste heraus spricht, wie einer, der Vollmacht hat. So hat es sich den Vielen eingeprägt, die das damalige geistige Geschehen – denn das war es – mitgemacht haben.

Es schlug sich dann auch nieder in dem Austausch, der einen Tag später stattfand in kleinem Kreise im Haus von Prof. Rade, Sauersgässchen. Rade war liberaler Theologe und Herausgeber der “Christlichen Welt”. In gegenseitiger Wertschätzung hatte er Rittelmeyer Obdach angeboten. Frau Lisa de Boor stellte in diesem Gespräch die entscheidende Frage: “Herr Doktor, die Sonne ist aufgegangen, wenn Sie da sind. Was soll aber geschehen, wenn Sie abgereist sind?” Da deutete Rittelmeyer auf die Gestalt eines der im Kreise anwesenden Studenten: “Da haben Sie doch den kleinen Goebel”.

In diesem Moment ist die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen Robert Goebel und Lisa de Boor als selbstbewusster und öffentlichkeitsbekannter Gemeinde-Repräsentantin veranlagt. Goebel hat zu diesem Zeitpunkt noch keine abgeschlossene Ausbildung, das verzögert die Gemeindegründung. Am 4. November 1923 wird Goebel geweiht. Und Johanni 1924 war es dann soweit.

Am 6. Juli 1924 findet die begründende Menschen- weihehandlung in Marburg durch den ersten der hier tätigen Priester, Robert Goebel, statt. Es ist die erste Johannizeit, an der auf Erden die dazu vermittelte Johanni-Epistel erklingt. Und für Marburg wird sie zum Zeichen, nach dem die Weihehandlung hier antritt. Das geschah in dem bescheidenen Wohnraum, den Lisa de Boor in ihrem Hause, Rotenberg 8, zur Verfügung gestellt hat. Ein verdeckter Küchentisch diente als erster Altar; verschiedene Leuchter sind zusammengestellt. Farnblätter verhüllen deren unverkennbare Mängel. Zwölf Menschen sind beteiligt. Als erster Ministrant wirkte unser späterer Mitarbeiter Peter Müller. Die Ministrantengewänder sind durch eine milde Gabe von Margarete Natorps Mutter zustande gekommen: aus Betttüchern herausgeschnitten, die noch schnell violett gefärbt worden sind. Überfülle des Geistes bei äußerster Armut (nach kaum überwundener Inflationszeit!).

Am 12. und 13. Januar 1925 kommt Dr. Friedrich Rittelmeyer als öffentlicher Redner wieder. Diesmal im Audi max des Landgrafenhauses. “Ein Feuer bin ich gekommen auf die Erde zu werfen und wie wünschte ich, es brennete schon”. So war es ihm ums Herz. Und er debattierte mit den Studenten in öffentlicher Aussprache. Am anderen Tag spricht er aus dem von ihm eroberten Heiligtum zu den Studenten: “Die sieben Ich-Bin-Worte des Christus im Johannes Evangelium”.

Damit hilft Rittelmeyer der Entwicklung der Arbeit, wie er sie selbst mit veranlagt hat. “In Marburg solle eine Gemeinde gegründet werden. Sie würde gewiss nie sehr groß. Aber sie würde für die dort studierende Jugend ihre Bedeutung haben.” Es sollte sich in späteren Jahren dadurch bestätigen, dass mancher von Marburg aus oder durch zeitweises Studium in Marburg den Weg zur Priesterbildungsstätte in Stuttgart auch wirklich fand. Einige Namen seien für die erste Arbeitsepoche genannt: Harald Brock, Hermann von Skerst, Peter Müller, Reinhard Wagner, Helmut Giese, Luba Husemann geb. Möhle, Albrecht Meyer, Walter Voigt, Eberhard Klemp, Marie Reuter geb. Schmidt, Dieter Lauenstein, Jochen Knak.

Nun erweiterte sich ab 1925/26 auch räumlich die Tätigkeit. Denn von Gießen und von Siegen aus dringt der Ruf nach Marburg wegen sakramentaler Handlungen (Taufen und Bestattungen), aber auch wegen Vortragsveranstaltungen. In Siegen fand am 24. November 1925 der erste Vortrag statt, in Gießen am 3. Januar 1926. Die erste Totenweihehandlung in Gießen Ende Januar 1928 und die erste Menschen-weihehandlung zu Weihnachten 1929, der in Abständen weitere folgten. Daraus entstand ganz organisch die Filialarbeit in Gießen, die eine besondere Förderung erfuhr, als unser Mitarbeiter Peter Blees für eine Zeit lang am Orte tätig war.

Die Weihehandlungen fanden von Michaeli 1924 bis Michaeli 1931 in Wohnzimmern von Mitgliedern, zuletzt in gepachteten Räumen statt. Nun bot sich für Herbst 1931 eine günstigere Raumlage an. Die Alt-Lutheraner hessischer Renitenz gaben ihren Gottesdienstraum, Nikolai-straße 1, auf und die Christengemeinschaft konn-te einziehen. Er war ruhiger, billiger und wir konnten ein Klavier (später Harmonium) aufstellen. Für acht Jahre, bis 1939, wurde er “Heimat” für die Gemeinde.

Die Atmosphäre in der Umwelt hatte sich seit 1933 sehr verändert. Es wird deutlich, als erstmalig 1936 eine Synode der Gesamtpriesterschaft in Marburg stattfindet (in einem Studentenhaus am Kaffweg). Unser neu aufgenommener tsche-chischer Mitarbeiter Adamec machte seinem Herzen Luft und erklärte im Hinblick auf die Verhältnisse in Mitteleuropa mit lauter Stimme: “Es ist alles Luck und Betruck”. Zum letzten Mal ist Friedrich Rittelmeyer vor seinem Tode in Marburg. Im Vortrag, den er im überfüllten Studentenhaus hält und der sein Abschiedsvortrag werden sollte, entfaltet sich nochmals seine ganze kämpferische Natur.

Pfingsten 1938 müssen nach dem Tod von Rittelmeyer (23.03.1938), des ersten Erzoberlenkers, die Verhältnisse in der Führung der Bewegung neu geordnet werden. Lic. Goebel wird zum Lenker des Gebietes ernannt (mit Sitz in Köln, wo der zweite Bau der Christengemeinschaft entstehen sollte, der erste war in Dresden). Es beginnt eine veränderte, neue Beziehung zur Gemeinde Marburg-Gießen.

Inzwischen hatte das nationalsozialistische Unheil weitergegriffen und die uns nahe stehende Selterschule mit ihrer Lehrerschaft wurde mitbetroffen. Da eine “Gleichschaltung” nicht in Frage kam, wurde sie verboten. Um die Räume für eine nähere oder weitere Zukunft zu retten, wurde von der Christengemeinschaft Marburg beschlossen, in die Räume einzuziehen, - zumal sie größer waren – um gegebenenfalls sie wieder zur Verfügung stellen zu können. So wirkte die Christengemeinschaft von Frühjahr 1939 bis zum Verbot im Juni 1941 in diesen Räumen.

Im September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus und im Juni 1940 wird Pfarrer Albrecht Meyer zum Militär eingezogen. Ein gütiges Geschick lässt ihn in Uniform als Führer durch die Kathedrale von Chartres durch längere Zeit wirken. Am 2. Juni 1940 wird Dr. Otto Franke, von Jena her kommend, in die Verantwortung für die Arbeit in Marburg-Gießen eingeführt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Gemeinde herrscht in der Pfarrerwohnung Familienleben, das sich in den nächsten Jahren noch erweitern wird. Ab 9. Juni 1941 bis März 1945 wirkt sich das Schicksal des Verbotes durch die Geheimpolizei des Nazi-Regimes für die Wirksamkeit der Christengemeinschaft aus. Otto Franke wurde in Schutzhaft genommen (mit ihm zwei Gemeindemitglieder: Lisa de Boor, Margarete Tenge). Nach seiner Entlassung musste er wie die anderen Mitarbeiter “untertauchen” und war im Rahmen des Kunstinstitutes von Professor Hamann tätig.

Kriegswehen erschütterten Marburg, das bisher verschont geblieben war, doch noch in den letzten Wochen sehr. Tiefflieger rasten auch am 5. März über die Stadt. Getroffen wurde Wörthstraße 16, das Haus der Selter-Schule, in deren Parterreräumen die Christengemeinschaft 1939-1941 gewirkt hatte. Tödlich wurde dabei Anna Selter, unser liebes Mitglied, Lehrerin an der früheren Selter-Privatschule, mit ihr Irene Ochsenius, Freundin unserer Arbeit, getroffen. Am 28. März 1945 war es aber soweit: Die amerikanischen Panzer fuhren in die Stadt Marburg ein.

Lic. Robert Goebel

(Text entnommen aus: “Eine Chronik”, “50 Jahre Christengemeinschaft in Marburg 1924 - 1974”)

 

 

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