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Gedanken zur Brüderlichkeit in der Christengemeinschaft
bzw. dem Zusammenhang von "freien Gemeinden" mit der Gesamtheit

In den ersten Vorträgen, die Rudolf Steiner im Juni 1921 für die späteren Gründer der Christengemeinschaft hielt, spricht er von der zentralen Aufgabe: Gemeinschaftsbildung und Gründung "freier Gemeinden". Zugleich erläutert er die Notwendigkeit, künftig praktisch Dreigliederung zu üben, wenn die religiöse Erneuerung wirklich Fuß fassen soll. Und er spricht von der Gesinnung der Brüderlichkeit, von der er hofft, dass sie in der neuen Gemeinschaft leben wird.

Wie steht es um diese Ursprungsimpulse heute?

Freie Gemeinden, in dem Sinne, wie es damals gemeint war – d. h. unabhängig von Eingriffen der bereits bestehenden Kirchen bzw. von Einflussnahmen des Staates – existieren in vielen Ländern. In ihnen kann sich das geistige Leben in Kultus, Verkündigung und Seelsorge sowie in gemeinschaftlichen Aktivitäten frei entfalten. Rechtlich sind die Gemeinden zumeist in größeren Zusammenhängen organisert (Gebietskörperschaften; nationaler Zusammenhang o. ä.). Wirtschaftlich arbeiten sie selbständig, d. h. sie tragen sich selbst. Zugleich tragen sie auch vielfach die Belange der Gesamtheit der Christengemeinschaft mit (teilweise widerstrebend).

Wie ist es bei uns um die Brüderlichkeit bestellt?

- Es gibt vielfach Konten- oder Gehaltsverbünde. Da geschieht im Stillen eine ganze Menge, indem einzelne Priester ziemlich bedürfnislos leben, ohne zu versauern, und anderen auf diesem Wege ein "mehr" ermöglichen.
- Durch gemeinsame Baufonds wird aus der Hilfe Vieler an einem Ort etwas möglich, das eine Gemeinde alleine überfordern würde. Kaum ein Kirchenbau hätte ohne diese Gemeinschaftshilfe in der Vergangenheit realisiert werden können.
- Auch wirtschaftliche Unterstützung für Gemeinden im Aufbau oder in Notlagen u. a. m. ist Ausdruck von brüderlicher Gesinnung.
Und schließlich: ohne die selbstlose ehrenamtliche Arbeit, die auf den verschiedensten Gebieten innerhalb der Christengemeinschaft geleistet wird, könnten wir gar nicht existieren.

Aber ist das schon das, was mit dem Ursprungsimpuls gemeint war? Sind wir frei von egoistischen Tendenzen? Gibt es neben dem persönlichen Egoismus nicht auch einen Gemeinde-Egoismus oder einen Regions-Egoismus? Wie steht es z. B. mit der Ansicht: Das, was eine Gemeinde bzw. Region erbt, geht niemanden jenseits dieser Gemeinde etwas an und betrifft in keiner Weise die Gesamtheit?

Ist nicht immer die Christengemeinschaft als Ganzes betroffen?

Begegnet ein Mensch, der sich mit einer Gemeinde verbindet oder in ihr lebt, nicht durch die konkreten Verhältinsse und Personen hindurch immer der Christengemeinschaft, dem Wesen des Ganzen? Keine Gemeinde kann geistig aus sich selbst existieren – sie ist nur, weil es die anderen Gemeinden und die Gesamtheit gibt. Gibt es im Organismus eine Zelle, die nicht mit dem Ganzen zusammenhinge? Wie spricht Paulus über die einzelnen Glieder der Gemeinschaft und die Gemeinden – die zusammen einen Organismus bilden – den Leib Christi? Was entsteht, wenn einzelne Organe sich abkapseln oder einseitiges Wachstum ohne Rücksicht auf die Gesamtheit vorantreiben?
Tritt diese Realität schon hinreichend in unserem Umgang mit den wirtschaftlichen Mitteln in Erscheinung? Rudolf Steiner sagt: "In dem Maße, in dem man empfindet die Notwendigkeit der Brüderlichkeit, durchchristet man sich" (GA 187, S.50). Tragen wir unseren Namen zu recht – oder erst dann, wenn diese Gesinnung noch viel stärker unter uns praktisch lebendig ist?

Sollte sich die Kulturepoche der Brüderlichkeit, "Philadelphia", nicht auch unter uns und bei uns vorbereiten?

Können wir es uns leisten, dass es bis heute teilweise kein Bewusstsein über die Gesamtstärke und die Ressourcen gibt, weil vor Ort die tatsächlichen Gegebenheiten nicht vollständig transparent erscheinen? Ist es nicht auch da Zeit für einen weiteren Schritt?

Vielleicht wird die Bildung des Gesamtbewusstseins behindert, weil Existensängste da sind – aber sind die wirklich berechtigt? Erst aus der Kenntnis der bestehenden Notwendigkeiten und Möglichkeiten heraus kann eine sachgerechte Hilfsbereitschaft entspringen und der Weg zu Entscheidungen gefunden werden.

Wir können in der Christengemeinschaft vermutlich einen großen Schritt nach vorn machen, wenn es uns besser als bisher gelingt, aus einer von Ehrlichkeit und Vertrauen getragenen Bewusstseinsbildung die vorhandenen Kräfte so einzusetzen, dass sie sich segensvoll auswirken für das Ganze.

Berlin, 10.9.2007 Dr. Christoph Heyde Armin Knabe Christward Kröner